Ziemlich gute Kunst – Dr. Günter Baumann

Die Klasse Güdemann ist zum Markenzeichen in der Gegenwartskunst geworden, ohne dass sie sich je als ausgesprochene Schule etablieren wollte. Cordula Güdemann, seit 1995 Professorin an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart, lotet mit ihrer Klasse – sowohl mit den Absolventen als auch mit den Studierenden – in gemeinsamen Ausstellungen immer wieder die Möglichkeiten der Malerei aus. Gerade in Zeiten der digitalen Omnipräsenz gilt es, diese vielerorts belächelte »Flachware« nicht als nostalgische Gattung, sondern als zeitgemäße Auseinandersetzung mit geänderten Sehgewohnheiten ernst zu nehmen. Das führt zu etlichen überraschenden Phänomenen, die der Klasse Güdemann – in ihrer über Jahre sich immer wieder neu erfindenden Gegenwärtigkeit – eigen sind. Wo sich die Gesellschaft über die Freiheiten der medialen Virtualität selbst einengt, öffnen die Künstler(innen) im kreativen Gefolge Güdemanns zum einen die ästhetischen Grenzen, indem sie sich nicht nur über die Malerei definieren, sondern auch die Übergänge und Verbindungen zu anderen Ausdrucksformen wie der Plastik oder der Textkunst suchen. Sie öffnen sich auch in der Konsequenz politischen Statements – als malerisch motivierte Aktionskunst –, da die Kunst hier nicht als Schöngeisterei auf dem Elfenbeinturm, sondern als Teil des gesellschaftlichen Diskurses gesehen wird. Öffnung heißt für die Klasse Güdemann auch die Überwindung von geopolitischen Schranken im Kopf – der Anteil von gesamteuropäischen, asiatischen und afrikanischen Künstlern ist hier auffallend im Vergleich zu anderen Klassen, egal welcher Ausrichtung. Das ist jedoch kein Selbstzweck, vielmehr geht es um die Entwicklung einer universellen Bildsprache unter Bewahrung oder Dialogisierung verschiedener kultureller oder sozialer Voraussetzungen. Statt Virtualität geht es den Güdemann-›Schülern‹ um Fiktion, die sich an der Realität reibt.
In jüngster Zeit haben etwa in Rottweil, Backnang oder Sulz ehemalige oder aktive Student(inn)en der Klasse beispielhaft die Vielfalt ihrer Kunst demonstriert: »Ein ziemlich guter Abend im Oktober« (Rottweil) wird verbracht von Eloise Cotty, Yongchul Kim, Jinjoo Lee, Claudia Magdalena Merk, Alessia Schuth, Weiran Wang, Johanna Wittwer und Ivan Zozulya; »Häute und Morgen« lautet der Ausstellungstitel in Backnang mit Arbeiten von Nina Joanna Bergold, Yongchul Kim, Nigatu Molla, Agnes Mrowiec, Alessia Schuth und Ivan Zozulya; in der Backsteinhalle in Sulz a.N. treten die Klassen Güdemann und Roggan zusammen mit den Münchner Akademieklassen Dillemuth und Wähner auf, rund 20 Künstler sind dort an der Präsentation »Druck gegen Rechtsruck« beteiligt. Es zeigt sich allein in der Aufzählung solcher Schauwerke, dass es um internationale, durchaus ironische bis sarkastische und nicht zuletzt eben auch um künstlerische Positionen zu tun ist. Konkret lassen sich diese in der Figuration greifen, die sich verschiedenartig entfaltet. Die Kunst der Güdemann-Klasse thematisiert darüber hinaus – so die Professorin – »die Gegensätzlichkeit, die Bedrohungen, mit denen wir im Heute konfrontiert werden in einer direkten, eigenständigen Sprache, nicht durch getreues Abbilden von Vorlagen, sondern indem sie Bruchstücke bearbeitet, deformiert, verfremdet und daraus eine neue Bildsprache kreiert«.
In Rottweil ist die Bandbreite von acht Künstler(inn)en abgesteckt worden. Eloise Cotty inszeniert gemalte Schnappschüsse, die das Vertraute ins Unerwartete verfremden. Yongchul Kim verarbeitet in seinen farbmalerisch grandiosen Bildern eigene Erinnerungen. Jinjoo Lee arbeitet mit karikaturhaften Elementen. Claudia Magdalena Merk markiert mit sensibler Farbigkeit die Grenzen des Realismus. Alessia Schuth erschafft aus Kunststoffgewebe filigrane, transparente Wesen, die unbestimmter Bedrohung ausgesetzt sind. Weiran Wang flankiert ihre Malerei mit emaillierten Buchobjekten. Johanna Wittwer geht der Wirklichkeit in Zeichnungen und Gemälden nach. Ivan Zozulya sucht dagegen, deren Gegenständlichkeit dynamisch aufzulösen. Die Künstler der Güdemann-Klasse suchen die Konfrontation mit der Zeit, thematisieren Ängste, Widrigkeiten aller Art – und bleiben doch der malerischen Tradition verpflichtet.
Günter Baumann