Vorbild Nachbild – Kunstverein Radolfzell – Villa Bosch

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»Vorbild Nachbild« spiegelt die Welt wider – ironisch und zynisch, politisch und melancholisch.

Und immer wieder malerisch, aber auch: zeichnerisch, fotografisch, plastisch.

Die Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler dieser Ausstellung sind so vielfältig wie die Welt.

»Vorbild« könnte das sein, was ist - »Nachbild« wäre jedoch mehr als ein Abbild: eine je eigene Welt, ausgeheckt in der Klasse der Stuttgarter Professorin Cordula Güdemann, in der Vor- und Nachbild Motiv und Motivation geworden sind. Günter Baumann

Der Katalog zur Ausstellung:
Vorbild - Nachbild

Einführung - Dr. phil. Carla Heussler

Zunächst einmal möchte ich Sie herzlich willkommen heißen zu einer Ausstellung von elf StudentInnen und AbsolventInnen der Klasse Güdemann der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Der Kunstverein Radolfzell, der es sich generell zur Aufgabe gemacht hat, den unterschiedlichen Strömungen der zeitgenössischen Kunst ein Forum zu bieten, zeigt in diesem wunderschönen Ambiente direkt am See aktuell die Werke von StudentInnen und AbsolventInnen der Klasse Güdemann, die in ihren unterschiedlichen Positionen spannungsvoll zusammenspielen. Die StudentInnen und AbsolventInnen arbeiten mit den unterschiedlichsten Medien. Neben der Malerei sind dies vor allem Zeichnung, Plastik, Fotografie und Literatur. Sie zeigen Haltung in einer Zeit politischer Umbrüche und reagieren in ihren Werken mal mehr, mal weniger intensiv auf die aktuelle Situation.

Dass sie Position beziehen, zeigte ein Gemeinschaftsprojekt mit freien Künstlern zu den Menschenrechten. Ihre gestalteten Plakate, in denen sie auf Missstände und Schieflagen aufmerksam machten, zeigten sie im Sommer 2019 in der Stuttgarter Fußgängerzone. Anschließend wanderten die Plakate in den Württembergischen Kunstverein. Mit diesen Plakaten wollen die StudentInnen und AbsolventInnen auf die fortwährende Verletzung der Menschenrechte aufmerksam machen. Die Menschenrechte sind moralisch begründete Freiheits- und Autonomierechte, die jedem Menschen zustehen und unveräußerlich und unteilbar sind. Mit feiner Ironie zeigen die Plakate, dass gleiche Rechte doch nicht für alle gelten.

Der aus Südkorea stammende Maler Yongchul Kim ist bereits vor Abschluss seines Studiums im kommenden Wintersemester außerordentlich erfolgreich. Er sieht sich und seine Malerei in steter Interaktion mit der Gesellschaft, in der er lebt. So reflektiert er europäische Kunstgeschichte, greift auf eigene Erlebnisse zurück oder verarbeitet aktuelle Ereignisse. Das Karl-Marx-Monument von Chemnitz erhebt sich aus einem glühenden Farbenstrom und erinnert in seiner Eindringlichkeit an die schockierenden Ereignisse des Sommers 2018. Eine Knabenfigur hat sich aus dem Wasser erhoben und bannt den Betrachter mit intensivem Blick. Wiederum Farbenströme fließen an ihm herab und verbinden sich mit der Spiegelung seiner selbst. Das Statische wird fließend, das scheinbar Unbewegte bewegt – wie die Zeit, die uns still entgleitet. Das von dem spanischen Maler Diego Velazquez inspirierte Papstporträt erscheint bei ihm als dunkler Schemen, der sich in Farbfluten auflöst wie auch die Geschichte an uns vorbeigleitet.

Literatur und Malerei sind bei Tiin Kurtz eine untrennbare Einheit, wobei Text und Bild gleichberechtigt nebeneinanderstehen, sich wechselseitig deuten, aber nicht illustrieren wollen. Die aus der Nähe von Bremen stammende Künstlerin, die, bevor sie an der Kunstakademie Stuttgart ihr Studium aufnahm, zunächst in Göttingen und Berlin Literaturwissenschaft studierte, schreibt ihre Texte und Gedichte selbst. Wie Collagen verbinden sich ihre poetischen Texte mit prägnanten Bildelementen auf Pappkarton mit Cut Outs. Meist treten uns Kinder entgegen, die Unschuld und Unversehrtheit vermitteln. Doch welche Charakterzüge an uns sind bereits vorhanden und welche sind Ergebnis von Sozialisation? Da Kunst, wie alles andere, mit der Zeit geht, verwendet Tiin Kurtz sogenannte QR-Codes, die eine ganz eigene Bildästhetik besitzen, aber mit Hilfe eines Handys zu entschlüsseln sind und eine Kindheitsgeschichte in verschiedenen Entwicklungsstufen erzählen.

Ein ungeliebter Job neben dem Studium brachte Evgenia Kosareva auf die Idee, mit Einweghandschuhen zu arbeiten. Aus dem Wegwerfartikel, der ihr zunächst Unbehagen und Ekel verursachte, entstehen neue plastische Körper. Verknotet, bis zum Zerreißen gespannt und ineinander verwickelt, spielen sie mit dem Wechsel von Spannung und Entspannung. Der Schwung und die Dramatik des weiß belassenen Objekts erinnern an ein zerknülltes Hochzeitskleid. Ruhiger und statischer wirkt dagegen das schwarze Objekt, ein Zwitter zwischen Harnisch und Flügelpaar. Daneben lässt sie eine Wolke aus gefärbter und verklebter Watte in den Ausstellungsräumen landen, die Illusion der leichten und schwerelosen Schönheit einer Wolke wurde auf den Boden der Tatsachen gebracht.

Thema der Bilder von Claudia Magdalena Merk ist zunächst die Malerei selbst. In einem langsamen und intensiven Arbeitsprozess lotet sie Farbauftrag, Farbwerte und Farbdichte aus. Was lässt sich mit der Farbe erreichen? So entstehen farbintensive Gemälde, in denen figurative Elemente mit ungegenständlichen, in Farbstrukturen aufgelösten Partien zu konkurrieren scheinen und sich doch wieder geschwisterlich miteinander vereinen. Ihre Bilder erzählen von Gewalt und Tod, der martialische Soldat ist bereits dem Tode geweiht und der Dieb mit seinem Opfer ist als Außenseiter bestraft. Das Skelett eines Fantasietieres, das sich an einen Hunderücken lehnt, oder die Ästhetik der blank polierten und elegant modellierten Projektile sprechen nicht nur vom Schrecken, sondern zugleich auch von der vermeintlichen Schönheit des Todes.

Im zweiten Stock empfangen Sie die Bilder der Südkoreanerin Jinjoo Lee. Ein Schwein schwebt im Bild, die uns vertrauten witzigen Comic-Figuren von Donald Duck oder Mickey Mouse befinden sich inmitten lebensbedrohlich wirkender Landschaften, in denen sich etwa ein Tsunami erhebt. Die Freude über das Wiedererkennen, das Lachen über die lustigen, seit Kindheitstagen bekannten Comic-Helden bleiben einem im Halse stecken. Jinjoo Lee arbeitet mit ironischen Brechungen: Walt-Disney-Figuren oder eine zünftige Hütte in der Alpenidylle werden durch Unerwartetes oder gar Schreckliches verfremdet. Das Schwein, das bei uns durch seinen Niedlichkeitsfaktor warme Gefühle auslöst, wird letztlich verspeist, auch Donald Duck ist nur eine Ente, was nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass seinen Artgenossen gemeinhin ein tödliches Ende blüht. Auch die Heidi-Idylle ist längst von der effektiven chinesischen Vergnügungsindustrie überrollt, die brutale Kapitalisierung unserer Welt, auch die der Kindheit, und die Zerstörung unserer Umwelt ist längst in vollem Gange.

Weiran Wang möchte mit ihren Buchfragmenten aus Keramik, die deutlich sichtbare Verbrennungsspuren aufweisen, an die Bücherverbrennungen in Deutschland und China erinnern. Die erste Bücherverbrennung in China fand 213 vor Christi zur Zeit des ersten Kaisers statt und wird seit der Machtübernahme der kommunistischen Partei bis heute fortgesetzt. Zusätzlich möchte sie aber auch auf unseren Umgang mit Literatur verweisen: Wir lesen immer weniger und das Buch verliert gegenüber dem Internet immer mehr an Bedeutung – es findet eine Art digitaler Bücherverbrennung statt, welche die Frage nach der Bedeutung des Buches in der Zukunft aufwirft.

In ihrer Bildserie „unterwegs“ berichtet Weiran Wang auf unterschiedlichen Ebenen vom „Unterwegs-sein“. Das Aufblitzen farbiger, fensterähnlicher Bildelemente innerhalb der düsteren Grisaillemalereien erinnert an den Blick aus dem Fenster einer U-Bahn oder eines Busses. Die Serie, an der die Künstlerin seit eineinhalb Jahren arbeitet, verweist aber auch auf den Menschen als Wanderer zwischen Zukunft und Vergangenheit. Im hektischen, vom Stress bestimmten Lauf durch Raum und Zeit blitzt die nostalgisch verklärte Erinnerung an die Kindheit auf, als das Leben noch selbstbestimmt und frei war. Weiran Wang sieht sich selbst als Wanderin zwischen den Welten. Sie ist von ihrer chinesischen Herkunft bestimmt, doch inzwischen ist auch Deutschland, symbolisiert durch den deutschen Wald, ein wichtiger und unverzichtbarer Bestandteil ihres Lebens.

Eine Pastellzeichnung einer Menschenpyramide inmitten der Bleistiftzeichnung einer Waldlandschaft. Die Aktivität der jungen Männer durchbricht die Stille und Einsamkeit des Waldes. Stefanie Fleischhauer arbeitet mit Überraschungs-
effekten und Brüchen, sowohl formal als auch thematisch. Eine kindlich wirkende Zeichnung, welche Unschuld und Naivität vermittelt, wird durch eine, wie eine alte verschwommene Postkarte anmutende Kohlezeichnung von Soldaten konterkariert. In ihren Zeichnungen arbeitet Fleischhauer oft die Geschichte ihrer Familie auf, die als sogenannte Russlanddeutsche aus der Sowjetunion in den deutschen Südwesten kam. Dabei arbeitet sie gerne auch mit historischen Fotografien, die sie bearbeitet oder nachzeichnet und so ästhetisch verfremdet. Größenverhältnisse werden bei ihr verschoben und die Bildkompositionen aufgebrochen. Durch Brüche und Überraschungseffekte will sie den Betrachter zum Nachdenken und Fabulieren anregen.

Fabian Holzwarth setzt sich in seinen Schwarz-Weiß-Fotografien mit der Geschlechterproblematik in der Werbung, aber auch mit der Flüchtlingskrise auseinander. Die Serie „Werbung/Nackt“ schildert die Überflutung unseres Alltags durch die überall präsente Werbung. Die perfekt inszenierte Werbewelt mit ihren makellos schönen Frauen überstrahlt den trist wirkenden Alltag und weckt in uns das Verlangen, schöner, schlanker und erfolgreicher sein zu wollen.

Sensibel, in stillen intimen Szenen schildert Holzwarth die prekäre Situation der Flüchtlinge, die zuerst in Griechenland ankamen und dort auf eine von der Situation überforderte Gesellschaft trafen. Holzwarth lotet die Fotografie mit extremen Kontrasten aus und lädt sie dadurch symbolisch auf. Ein stilles Drama vermittelt der schlafende Flüchtlingsjunge, über dem ein Graffiti mit liebevoll sich ineinander fügenden Händen schwebt. Die anonymen und verwahrlosten Gräber der Flüchtlinge – welche Dramen sich hier abspielten, können wir nur vage erahnen – hinterfangen die liebevoll gepflegten Wandgräber der Einheimischen. Einsamkeit, Isolation, stille Verzweiflung, Resignation und Vergessen durchdringen diese ausdrucksstarken Fotografien.

Thematisch verbinden sich die Fotografien von Holzwarth mit den Arbeiten von Alessia Schuth. Die Rettungsweste aus schwerem Stoff und das wie von Kinderhand aus Goldpapier gefaltete Rettungsboot symbolisieren das tödliche Lotteriespiel der Seenotrettung. Schuths Hauptwerk, die Installation „Sodom“, die biblische Geschichte aus dem Alten Testament ist ja gemeinhin bekannt, spielt mit erotischen Versatzstücken wie Latex und der leuchtend roten Zunge, die eindeutig zweideutig auf sexuelle Handlungen anspielen. In den Säulen erstarrt (und zwar buchstäblich, da es sich um Thermoplastik handelt) sind weibliche Klischees wie die Haare als erotisches Signal, die Burka als Uniform der weiblichen Unterordnung, das knapp bekleidete, langbeinige Model als Projektionsfläche männlicher Fantasien sowie der Hinweis auf die brutalen Klitorisbeschneidungen in Afrika.

Den unverstellten Blick zwischen die Beine einer Frau gibt es seit Courbets „Ursprung der Welt“, er ist aber in der Kunstgeschichte ansonsten eher unterrepräsentiert. Dies ändert Alessia Schuth konsequent. Zeigten ihre früheren „Pussy-Diarys“ die aktuellen Befindlichkeiten des weiblichsten aller Körperteile, erscheint der Blick bei den neueren Arbeiten nun diskreter. Der Betrachter blickt von oben auf die weibliche Scham, das Kopfkino kann beginnen.

Überraschend wirken die weiß glasierten Keramikformen von Unter- und Oberschenkeln und einem Kniegelenk. Was auf den ersten Blick wie ein Baukasten menschlicher Körperteile wirkt, sind jedoch sogenannte Zwischenformen, Metamorphosen vom Menschlichen ins Tierische oder gar Pflanzliche. Wichtig für Larissa Liebhardt ist der Prozess des Formens selbst, die direkte Übertragung von Körper auf Körper. Das modellierte Fleisch driftet dabei auseinander und ist scheinbar in Auflösung und Wandlung begriffen.

Bei den Zeichnungen wirken zunächst die unterschiedlichen Strukturen von Graphit und Wachsstift. Die Künstlerin setzt sich in ihren Zeichnungen mit dem eigenen Ich auseinander, visualisiert in den sich auflösenden und sich ineinander fügenden Strukturen scheinbar unerfüllbare Wünsche, etwa den Wunsch, wieder in die Geborgenheit der Kindheit zurückzukehren oder die Sicherheit in der Unsicherheit zu finden. Die Suche nach einer irgendwie gearteten Bilderzählung misslingt dabei bewusst, die Zeichnung entzieht sich einer klaren Deutung und will dem Betrachter keine Anleitung an die Hand geben.

Die Malerei von Ivan Zozulya hat sich in den letzten Jahren extrem gewandelt, von einer realistisch figurativen Malweise gelangte er zusehends zur Reduzierung und Formenauflösung. Seine Malerei ist generell ein Prozess, in dem er eigene Erfahrungen und Gedanken verarbeitet. Malerei ist für ihn Forschung und Experiment gleichermaßen. Es geht bei ihm darum, die inneren Bilder in eine Malerei zu übersetzen, die der Betrachter für sich selbst individuell interpretieren und als eigene Projektionsfläche verwenden kann. Der expressive Pinselstrich löst die Formen zunehmend auf und hebt gleichzeitig einige wenige figurative Bildelemente hervor. Das Ringen zwischen Figuration und Ungegenständlichkeit kulminiert in expressiv bewegten Farbformen, zwischen denen Figürliches wie ein Gedanke immer wieder aufblitzt.

Bei der Ausstellung „Vorbild Nachbild“ handelt es sich um einen gelungenen Rund-
umblick über die neuesten Entwicklungen der StudentInnen und AbsolventInnen der Klasse Güdemann der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, der deutlich werden lässt, dass nicht nur künstlerische Positionen, sondern auch klare Positionen gegenüber den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Ereignissen in der Gesellschaft dazugehören.

Dr. phil. Carla Heussler

6. September 2019